Reiten mit dem Kinderzentrum Linden

Das Kinderzentrum befindet sich im Allerweg in Linden-Süd. In diesem hannoverschen Stadtteil leben viele Familien aus sozialen Randgruppen, in denen es den Eltern häufig nicht gelingt, eine grundlegende Erziehungsleistung zu erbringen. Das familiäre Umfeld der Kinder ist dann zunehmend von Armut, Kriminalität, Alkoholismus oder Drogensucht der Erwachsenen geprägt. Oftmals werden sie mehr oder weniger sich selbst überlassen, vor dem Fernseher oder Computer ‚geparkt‘ und verwahrlosen nicht selten. Auch Gewalt und Missbrauch spielen eine Rolle. Das führt bei den betroffenen Kindern zu psychischen Problemen und körperlichen Beeinträchtigungen wie Konzentrationsschwäche, fehlende Ausdauer, Mutlosigkeit oder mangelndem Selbstvertrauen.

Das Kinderzentrum wird von Kindern mit den verschiedensten Charakterzügen und Eigenschaften besucht. Dabei ist es normal, dass es auch zu Streitigkeiten kommt. Manche Kinder verhalten sich dabei defensiv oder halten sich ganz raus, andere Kinder reagieren aggressiv und suchen sogar den Streit.

Das Projekt “Reiten“ im Kinderzentrum soll den Kindern helfen, mit eigenen Grenzen zu arbeiten. Manchen Kindern soll geholfen werden, eigene Grenzen zu überwinden und sich neuen Herausforderungen zu stellen. Andere Kinder müssen lernen, bestehende Grenzen zu akzeptieren und sich auch selbst welche aufzuzeichnen.

Die Kinder, die für das Projekt ausgewählt wurden, bilden die Extrema beider Gruppen. Sie sollen sich gegenseitig unterstützen, ihre Grenzen zu überwinden, um gemeinsam die Aufgaben zu bewältigen, die das Projekt mit sich bringen. Alle zwei Wochen fahren sie hierfür auf den Reiterhof, um durch den Umgang mit dem Pferd etwas über sich zu lernen und sich weiterzuentwickeln.

Vorab wurden die Kinder einzeln gefragt, ob sie Lust hätten, zum Reiten zu fahren, da nur Kinder an dem Projekt teilnehmen sollten, die wirklich Freude daran haben. Einige Kinder waren sofort begeistert, andere hatten Angst davor, was sie erwarten würde. Wieder andere haben klar gesagt, dass sie eigentlich Lust hätten, aber sich nicht trauen würden, auf ein Pferd zu steigen, da es sehr hoch, wackelig oder ungewohnt sei. So bildete sich die Gruppe aus unterschiedlichen Kindern mit verschiedenen Erwartungen, Ängsten und Motivationen.

Im Umgang mit dem Pferd gibt es verschiedene Aufgaben, die erledigt werden müssen. Gemeinsam mit der Reitlehrerin dürfen die Kinder das Pferd aus der Box holen und es gründlich putzen, um anschließend darauf reiten zu können. Nach der Reitstunde wird das Pferd erneut geputzt, die Utensilien ausgewaschen und weggeräumt und der Putzplatz gefegt.

Die Kinder beim Pferd

Die Kinder sollen die ihnen gestellten Aufgaben weitestgehend selbstständig erledigen und sich, wenn nötig, gegenseitig helfen. Das stellt manche Kinder vor eine Herausforderung, da sie sich entweder selbst zurücknehmen oder über den eigenen Schatten springen müssen.

Am ersten Tag waren alle Kinder recht zurückhaltend. Manche wollten sich direkt an das Pferd trauen, andere haben versucht, so viel Abstand wie möglich zwischen sich und das Pferd zu bringen. Es ging noch nicht darum, dass man später reiten würde, sondern vorerst um das Kennenlernen des Pferdes, der Abläufe und der Reitlehrerin. Dabei sollten die Kinder möglichst wenig Hilfe seitens der Erwachsenen erhalten, sie mussten sich gegenseitig helfen.

Mit der Zeit sind die Kinder selbstbewusster im Umgang mit dem Pferd geworden. Es musste nicht mehr so viel erklärt werden, da sie die Abläufe schon kannten. Nach dem Kennenlernen und Putzen der Pferde kam ab dem zweiten Besuch auch das Reiten auf dem Pferd hinzu. Zunächst haben sich das nicht alle Kinder zugetraut. Es bedurfte einiger Überredungskunst und positiver Zusprache, damit sich beispielsweise ein neunjähriges Mädchen überhaupt den Reithelm aufsetzte. Motiviert von dieser Geste setzte sich auch ihre Freundin einen Helm auf, die sich vorher auch nicht getraut hatte. Sogar die anderen Kinder ermutigten die beiden, sich aufs Pferd zu setzen und ließen sie in der eigentlich festen Reihenfolge vor.

Das erste Mal reiten war für alle Kinder ein Erfolgserlebnis und sogar ein sonst so mutiger Junge war ein bisschen kleinlaut und schaute nervös aufs Pferd und dann vom Pferd runter auf den Boden.

Die Übungen waren anfangs noch recht einfach und dienten dazu, das Kind mit dem Reiten vertraut zu machen, ihnen Mut zu verleihen und das Gleichgewicht zu trainieren. Die Kinder haben sich mit Begeisterung jeder neuen Herausforderung gestellt, sodass diese auch immer schwieriger werden konnten. Dabei war es schön zu sehen, dass sich die Kinder gegenseitig ermutigten und auch applaudiert hätten, wäre es nicht verboten gewesen, damit sich das Pferd nicht erschreckt. Auch andere Reiter haben den Mut der Kinder gelobt, was ihnen noch zusätzliche Freude bereitet hat.

 

Der Leiter der Einrichtung, Herr Bonk, stellte bereits nach wenigen Reitstunden unverkennbare Fortschritte fest. Ebenso wachsen Freude und ihr Mut der Kinder. Sie unterstützen sich plötzlich gegenseitig und bekommen immer mehr Selbstbewusstsein. Doch nicht nur die gegenseitigen Zusprachen steigern ihr Selbstbewusstsein, auch die eigenen Erfolgserlebnisse und die Komplimente der Betreuerin, der Reitlehrerin oder anderer Reiter tragen dazu bei.

Die Fortschritte, die die Kinder machen sind unterschiedlicher Natur. Einige freuen sich über immer größere Steigerungen beim Reiten, während es für andere ein riesen Erfolg ist, überhaupt auf das Pferd zu steigen und der Stute näher zu kommen. Doch jedes Kind steigert sich von Mal zu Mal auf seine Weise und nimmt etwas ganz Persönliches von den Stunden mit.

Um dieses Projekt realisieren zu können hat Mehr Aktion finanzielle Mittel bereitgestellt. Wir sind überzeugt davon, dass dieser Einsatz wichtig ist, denn den betreffenden Kindern tut es gut. Ohne dieses Projekt bekämen sie nicht die Möglichkeit, sich auf diese Art und Weise zu beweisen und gestärkt zu werden.

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